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Windstag, 24. Rahja 1037 Bosparans Fall

Tante Chalwens Märchen

Die aventurische Geschichte ist mit den Jahren zu einem recht umfangreichen Teilbereich der DSA-Nerdologie geworden. Ungezählte Ereignisse verteilt auf leider fast ebenso ungezählte Werke machten bisher die Recherche zur derischen Vergangengeit in offiziellen Werken nicht immer einfach*. Nicht zuletzt aus diesem Dilemma will Ulisses dem geplagten Spielleiter mit der Historia Aventurica heraushelfen.

Konzeption und Gliederung
Ein Anliegen der Autoren war es die Geschichte weniger aus der Perspektive der Menschen – und hier speziell der Zwölfgöttergläubigen – zu erzählen als das bisher der Fall war. Nach einem erklärenden Vorwort der Bandredaktion wird die Historie im Weiteren in die Zeitalter unterteilt, die dem einen oder anderen Spieler sicherlich schon ein Begriff sind. Einen Anspruch auf Vollständigkeit will die HA dabei aber nicht erheben. Man wollte bewusst Lücken lassen. Bei vielen Widersprüchen in alten Werken soll der vorliegende Band die neue Leitlinie darstellen.

Über die vorgeschichtlichen Zeitalter – über die man bisher recht wenig Konkretes wusste – plaudert Chalwen in entsprechende Kapitel unterteilt ein wenig aus dem Nähkästchen. Jene mythologische Riesin (nach menschlicher Vorstellung) mit ihrem „Thron“, den Sumurrern und der Meinungsverschiedenheit mit Pyrdrakor. Dabei ist Chalwens Sicht auch nicht immer zu 100% objektiv. Da die Gute ab einem Punkt SEHR subjektiv wäre (Echsenzeitalter), geht das Werk ab diesem Zeitpunkt in den zweiten Teil über; Ein relativ „normales“ Geschichtsbuch.
Noch später wäre sie in ihren Möglichkeiten etwas eingeschränkt weshalb man beim Geschichtsbuch bleibt. Dabei sind die neueren Zeitalter deutlich umfangreicher im Inhalt. So nimmt der frühgeschichtliche Teil mit den Äonen eins bis acht grob 66 Seiten ein. Im Geschichtsbuchteil nimmt die Echsenepoche etwas über 30 Seiten ein und jene der Menschen etwa 200. Zwischen den Zeitaltern gibt es kurze Beschreibungen zum Verlauf der jeweiligen Weltenzeitwende bzw. im Fachbosparano “Kamarkorthäon”. Dazu gibt es noch Abschnitte die auf die menschliche/zwölfgöttliche „Version“ des jeweiligen Zeitalters eingehen.

Inhalt
In den ersten Zeitaltern wird der Leser um einige Aha-Momente nicht herum kommen. Die (zwölfgöttliche) Schöpfungsgeschichte haben wohl auch bisher mehr als nur ein paar Spieler nicht in allen Nuancen für bare Münze genommen. Und nach dem Vorwort war man innerlich schon vorgewarnt. Ob jetzt allerdings jeder eine derartige Revision der Kosmologie erwartet hätte darf getrost bezweifelt werden. Selbst wenn diese bisher in vielen Bereichen nur mythologisch überliefert war. Vertraute wenn auch bisher gar nicht oder kaum greifbare oder nicht eingehender beschriebene Bausteine des DSA-Kosmos sind jetzt zu 100% ins Reich der Legenden übergegangen. Andere Bereiche wurden weniger durchgerüttelt und manche Veränderungen hat der Band aus früheren Publikationen übernommen.
Z.B. hat man schon an anderer Stelle gelesen, dass manch heutiger Erzdämon eine vordämonische bzw. sogar göttliche Vergangenheit hat. Das Ziel die Geschichte weniger aus Menschensicht zu schildern wurde in jedem Fall umgesetzt.

Wie man diese Anpassungen beurteilt muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Vieles davon hat auf das eigentliche Spiel am Tisch kaum bis gar keine Auswirkungen- Los und Sumu haben z.B. nie existiert. Ok, ist jetzt nicht so schlimm, nur wo kommt dann eigentlich dieser All- bzw. Lichtvogel (der wird immerhin erwähnt) her und was erzählt der bei seinem Auftritt am Raschtul Kandscharot?
Dass der Geist Ogerons zum Dämonensultan wurde, als er in die 7. Sphäre gesickert ist (damals gab’s noch keinen Sternenwall), ist auch ein geschmacksabhängiger Punkt. Freilich ist das im Grunde genommen für die heimische Runde eher egal. Wann ist der Gute schon ein Kernelement des Spiels. Für mich war er bisher wenn überhaupt eine Entität vom Range Los‘ und Sumus, also so etwas ähnliches wie die Urkraft des Chaos.
Das Wesen der Götter, die der Schöpfung nicht selten mehr schaden als nützen dürfte ebenfalls nicht zu 100% auf Gegenliebe stoßen. Wer hat z.B. mit der Bresche im Sternenwall angefangen? Welche machtversessenen Wesenheiten haben ihre Konkurrenten um einen alveranischen Logenplatz in die 7. Sphäre gemobbt? Wer erschafft die Alten Drachen um mit deren Hilfe nicht ausreichend götterverehrende Rassen vom Angesichts Deres zu entfernen? Haben sich da Auszüge aus den Chroniken von Ilaris in den Band eingeschlichen?

Die Setzung, dass nur die (aktuell) zwölf Götter in Alveran Karma an derische Diener vergeben dürfen (=Ordination) schadet unter gewissen Gesichtspunkten ein Stück weit dem Ziel des Bandes zur „Entzwölfgöttlichung“ (siehe Absatz Konzeption und Gliederung). Andere Unsterbliche müssen nun die Karmaenergie von einem der Zwölf vergeben lassen, sind also von dessen Wohlwollen abhängig.
Wer würde für Brazoragh den Karmamakler geben und welchen Sinn hat die Suche des Aikars nach der Primärliturgie seines Gottes dann? Wer würde überhaupt einem potentiellen Konkurrenten helfen dessen derische Anhängerschaft mit einem Karmaüberbau zu versehen? Sicher, die Plätze werden nach jedem Zeitaltern neu vergeben (darauf zielt Brazoragh vermutlich ab), aber zumindest für den Status quo verehrt der Zwölfgöttergläubige die jetzt Noch Wahreren Götter™.
Die bisherige Setzung, dass die alveranischen Götter an den größeren Karmatöpfen sitzen und der Rest eben nur aus seinem kleineren Karmateekessel ausgießen kann, war nicht ganz so alveranzentriert. Die Begründung wie der Namenlose es trotzdem schafft Karma direkt zu vergeben, weiß vor den kritischen Rezensentenaugen nicht vollends zu bestehen. Verschlagenheit ist zwar eines seiner Hauptmerkmale, selbst dass es möglicherweise einige Götter wissentlich ignorieren oder verschweigen passt ins neue Bild.
Aber es ist seltsam, dass in x Zeitaltern anscheinend niemand was dagegen unternommen hat, wenn selbst Chalwen es zu wissen scheint, die Alveran nach eigener Aussage nie gesehen oder betreten hat.

Die Nandusgeschichte lässt Spieler von Geweihten dieser Gottheit etwas in der Luft hängen. Nandus spaltet sich irgendwann in Hesinde und Amazeran (wird später zu Amazeroth) auf. Welcher Wesenheit dient mein Charakter eigentlich? Und wie zum Namenlosen hat sich die Nanduskirche in Aventurien überhaupt gebildet ohne dass es anscheinend eine Vorgängerorganisation gab und obwohl es damals vom Gott nur noch Spaltprodukte gab? Haben wir hier nur einen Hesindekult unter anderem Namen?
Auch der Korgeweihte ist vermutlich „nur“ ein umgemodelter Rondrageweihter mit Tarnidentität. Es gibt noch so einige andere Punkte, die man hier aufführen könnte, aber jetzt erst einmal genug davon. Auf die mancherorts angemerkten Widersprüche bezüglich Tharun kann hier mangels ausreichender Kenntnis der Hohlwelt leider nicht eingegangen werden.

Was man dem ersten Teil nicht ganz absprechen kann, ist der Reiz etwas über die Zeitalter zu erfahren, über die man bisher kaum etwas wusste. Vom siebten Zeitalter z.B. war dem Großteil der Spielerschaft – wenn überhaupt – vermutlich lediglich bekannt, dass es das Äon der Insektoiden war und Punkt.
Was im 8. passierte erscheint höchstmysteriös und lässt den oben erwähnten Raum für Spekulationen im größeren Rahmen. Hier gab es anscheinend eine gesamtkosmologisch verortete Generalamnesie, die auch vor den Unsterblichen nicht halt machte.

Mit dem Einsetzen der Menschheitsgeschichte bzw. eigentlich schon mit der echsischen Epoche wird der Band zu einem konventionellen Geschichtsbuch. Es finden sich fortan auch Zeitangaben v.BF bzw. später BF. Die Historie wird in verschiedene Unterepochen eingeteilt, die unterschiedlich lange ausfallen.
Hier wurde seitenweise Material aus verschiedenen RSHs und anderen Werken zusammengetragen und an einigen Stellen noch leicht ergänzt. Also ungefähr das was ich mir eigentlich von dem Band erwartet habe. Aufregungen über Neusetzungen dürfte es bezüglich diesen Teils eher weniger geben. Aber natürlich findet sich noch die eine oder andere Auswirkung der revolutionäreren Erkenntnisse aus den vergangenen Epochen.

Den Inhalt dieses Bandabschnitts dürfte man schon zu großen Teilen an der einen oder anderen Stelle gelesen haben. Wer sich den Band kauft will ja (vermutlich) eine Zusammenfassung und gegebenenfalls Ergänzung der aventurischen Geschichte in einem Band und nicht eine Neufassung. Spätestens wenn man den Zeitpunkt der bespielten aventurischen Geschichte erreicht werden den einen oder anderen Spieler Nostalgiegefühle befallen, z.B. wenn man von den Ereignissen aus „Im Zeichen der Kröte“ oder „Der Wald ohne Wiederkehr“ liest.

Frei von Kritik bleibt leider auch dieser Abschnitt nicht ganz. Warum z.B. der Konflikt der Kriegsgötter und ihrer Anhänger, der in „Die Dunkle Zeiten“ immerhin einen größeren Kasten erhalten hat, so zusammengestutzt wurde, bleibt schleierhaft. Der Shinxirkult wird nun schon 507 v.BF mit dem Tod des letzten Priesters für ausgelöscht erklärt. In der Box dagegen gipfelte die Auseinandersetzung erst 300 v.BF in der in der HA unerwähnten Schlacht auf den Bluthügeln von Caldaia. Deren Ausgang kann im Prinzip mit dem Ende des Shinxirkultes gleichgesetzt werden.
Einige andere kleine Schlampereien wären vermeidbar gewesen. Auf den Vallusanischen Weiden ist kein Graf der Trollzacken gefallen. Arve von Arvepass fiel bereits vor Eslamsbrück und sein Nachfolger Gernot von Mersingen – heute Markgraf der Rabenmark – ist zwar Golgarit, aber trotzdem noch recht lebendig. Weitere Beispiele wären die zweimalige Inbesitznahme respektive Eroberung der Zyklopeninseln durch Kaiser Raul, die irrtümliche Verortung des Himmelsturms in der Grimmfrostöde oder die Verlegung der Schlacht von Yal’Zoggoth ins Askanische Meer*.

Ausgesprochen schade ist es, dass die Historia einige Jahre vor der aventurischen Gegenwart endet. So sind die letzten Ereignisse die Krönung Khadans zum Horas 1030 BF, eine kurze Erwähnung des Endes der Quanionsqueste 1036 BF und die Rückkehr Almadas ins Rohaja-Mittelreich 1034 BF. Letzteres wird auch nur als Resultat von Selindians Tod erwähnt. Den genauen Hergang der Ereignisse dazu wird man aus dem Band nicht erfahren, denn nach 1030 BF hört auch hier die Schilderung auf.
Um mitzubekommen, dass Invher nicht mehr Königin Albernias ist muss man die Herrschertafeln im Anhang bemühen. Wie es dazu kam und wie der Albernia-Nordmarkenkonflikt gelöst wurde erfährt man nicht.
Ebenso Fehlanzeige bezüglich der Seeschlacht von Phrygaios, den darauffolgenden Turbulenzen in Al’Anfa mit der resultierenden Machtergreifung Oderins. Die Befriedung der Wildermark mit Entstehung der Mark Rommilys fehlt ebenfalls. Details zum Ende und Verlauf der Quanionsqueste sucht man leider auch vergebens.

Fazit
Wie man persönlich den Band beurteilt hängt wohl hauptsächlich davon ab, wie gut man sich mit den neuen Setzungen arrangieren kann. Wissen diese mehr oder weniger zu gefallen, wird man mit dem Band relativ zufrieden sein. Empfindet man die neue Frühgeschichte als Graus, dann wird es auch der zweite Teil nicht mehr herausreißen. Unsicherheiten, die sich aus manchen Neuerungen ergeben löst der Band leider nicht auf. Siehe die oben angesprochenen Nandusgeweihten oder z.B. eine fehlende geschichtskonforme Neuinterpretation des fünften und sechsten Zeichens. Es wäre schön, wenn hierzu noch etwas nachgereicht werden würde.
Für eine echte abschließende Wertung müsste man auch noch abwarten, was für Auswirkungen sich für Aventurien und die Folgepublikationen ergeben. Im Netz kursieren für einige Punkte ja bereits Erklärungsansätze und -versuche.

Der zweite Teil (ab dem Echsenzeitalter) für sich genommen ist recht gelungen, abgesehen von Mängeln wie sie oben angesprochen wurden. Material vergleichbar mit den zwei Geronseiten hätte es ruhig in größerem Umfang geben dürfen (auch wenn dessen „Ersatzhand“ wahrscheinlich nicht überall auf Gegenliebe stoßen wird). Mehr Bildmaterial wie historische Karten hätte noch weitere Pluspunkte gebracht.
Vielleicht erinnert sich ja noch der eine oder andere an das alte Aventurische Geschichtsbuch aus dem Netz. Das Kartenmaterial dort ist optisch zwar vielleicht etwas angestaubt, aber hat das Geschriebene sehr gut ergänzt.

Bleibt die Frage der abschließenden Bewertung. Wie bereits geschildert gibt es da zwei Möglichkeiten/Extreme:

  • Man mag die neue Frühgeschichte und hat keine Probleme mit sich evtl. daraus ergebenden Kollisionen-
    Dann kann eine eingeschränkte Kaufempfehlung (bronzenes Okular) ausgesprochen werden. Falls es einen nicht stört, dass die letzten Jahre fehlen erklettert der Band sogar gerade noch so eine Stufe zur uneingeschränkten Kaufempfehlung (silbernes Okular).
  • Die neue Frühgeschichte erzeugt Tobsuchtsanfälle-
    Dann kann man den Band leider nicht empfehlen. Einzig der unbedingte Wunsch die (für außergewöhnlich gut informierte Derebewohner halbwegs greifbare) aventurische Geschichte gebündelt zu haben, wäre ein Kaufgrund.

Akzeptabel

Selvirion



*Fußnote
Zum Thema DSA-Recherche allgemein mit all ihren Schwierigkeiten, Irrungen und Wirrungen hier noch der Verweis auf einen mittlerweile etwas betagten Blogeintrag von Franz Janson: “Das Methumisproblem”

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